Was ist Limosilactobacillus reuteri?
Limosilactobacillus reuteri (früher Lactobacillus reuteri) ist ein gram-positives, stäbchenförmiges Bakterium, das natürlicherweise im menschlichen Verdauungstrakt, in der Muttermilch und in fermentierten Lebensmitteln vorkommt. Es zählt zu den am besten erforschten Probiotika weltweit.[1]
Der Name ehrt den deutschen Mikrobiologen Gerhard Reuter, der das Bakterium 1962 erstmals aus menschlichen Fäkalproben isolierte. Seitdem hat sich L. reuteri zu einem der wissenschaftlich am intensivsten untersuchten Probiotika entwickelt, mit über 200 klinischen Studien am Menschen.[2]
Im Jahr 2020 wurde die Gattung Lactobacillus grundlegend reorganisiert. L. reuteri wurde dabei in die neue Gattung Limosilactobacillus überführt. In der wissenschaftlichen Literatur und auf Produkten finden Sie daher beide Bezeichnungen - sie beschreiben dasselbe Bakterium.
Warum L. reuteri so besonders ist
Im Gegensatz zu vielen anderen Probiotika hat L. reuteri eine lange Ko-Evolutionsgeschichte mit dem Menschen. Es wurde nicht nur im menschlichen Darm, sondern auch in der Muttermilch, im Speichel und in der Vaginalflora nachgewiesen. Diese enge Verbindung erklärt möglicherweise, warum L. reuteri so effektiv mit unserem Immunsystem und unserer Physiologie interagiert.[3]
Besonders interessant: Die Prävalenz von L. reuteri in der menschlichen Darmflora ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken - von etwa 40% der Bevölkerung in den 1960er Jahren auf heute nur noch 10-20%. Forscher vermuten einen Zusammenhang mit modernen Ernährungsgewohnheiten und dem Einsatz von Antibiotika.[4]
Wie wirkt L. reuteri im Körper?
L. reuteri entfaltet seine gesundheitlichen Wirkungen durch mehrere komplementäre Mechanismen, die je nach Stamm unterschiedlich ausgeprägt sein können:
Produktion antimikrobieller Substanzen
Eine Schlüsseleigenschaft von L. reuteri ist die Fähigkeit, Reuterin zu produzieren - eine potente antimikrobielle Substanz mit Breitband-Aktivität gegen pathogene Bakterien, Hefen, Pilze und Protozoen. Reuterin wird aus Glycerin synthetisiert und hemmt das Wachstum schädlicher Mikroorganismen, ohne dabei die nützliche Darmflora wesentlich zu beeinträchtigen.[5]
Immunmodulation
L. reuteri interagiert direkt mit dem Immunsystem über mehrere Wege:
- Regulierung von T-Zellen: Fördert die Bildung regulatorischer T-Zellen (Tregs), die überschießende Immunreaktionen dämpfen[6]
- Modulation von Zytokinen: Reduziert pro-inflammatorische Zytokine wie TNF-α und IL-6, während anti-inflammatorische Botenstoffe wie IL-10 gefördert werden[7]
- Stärkung der Darmbarriere: Verbessert die Tight Junctions zwischen Darmepithelzellen und reduziert so die Darmpermeabilität ("Leaky Gut")[8]
Histamin-Produktion und Regulation
Der Stamm ATCC PTA 6475 produziert Histamin im Darm, was paradoxerweise entzündungshemmend wirkt. Das bakteriell produzierte Histamin aktiviert den H2-Rezeptor auf Immunzellen und unterdrückt so die Produktion von TNF-α - einem wichtigen Entzündungsmediator.[9]
Menschen mit Histaminintoleranz sollten mit L. reuteri ATCC PTA 6475 vorsichtig sein. Obwohl die Histaminproduktion im wissenschaftlichen Kontext entzündungshemmend wirkt, kann sie bei empfindlichen Personen Symptome auslösen. Der Stamm DSM 17938 ist in dieser Hinsicht unproblematischer.
Oxytocin und die Darm-Hirn-Achse
Faszinierende Forschung am MIT hat gezeigt, dass L. reuteri die Oxytocin-Spiegel über den Vagusnerv erhöhen kann. Dieses "Bindungshormon" beeinflusst nicht nur soziales Verhalten, sondern auch Wundheilung, Stoffwechsel und sogar die Hautgesundheit.[10]
Die wichtigsten L. reuteri Stämme
Nicht alle L. reuteri sind gleich. Verschiedene Stämme haben unterschiedliche Eigenschaften und Anwendungsgebiete. Die Stammbezeichnung ist entscheidend für die Wirksamkeit - achten Sie beim Kauf immer auf die genaue Bezeichnung.
- Am besten erforscht für Säuglingskoliken
- Reduziert Regurgitation bei Babys
- Lindert funktionelle Bauchschmerzen
- Verkürzt akuten Durchfall
- Unterstützt bei H. pylori-Therapie
- Systemisch entzündungshemmend
- Fördert Knochengesundheit
- Erhöht Oxytocin-Spiegel
- Verbessert Wundheilung
- Unterstützt Testosteron bei Männern
- Senkt LDL-Cholesterin um 9-12%
- Reduziert Gesamt-Cholesterin
- Senkt Entzündungsmarker (hs-CRP)
- Unterstützt Vitamin D-Spiegel
- Verbessert Fibrinogen-Werte
- Synergistische Wirkung beider Stämme
- Optimiert für H. pylori-Eradikation
- Umfassende Darmunterstützung
- Reduziert Antibiotika-Nebenwirkungen
- Beliebte "DIY Joghurt"-Kombination
Die Forschungsergebnisse zu einem bestimmten Stamm lassen sich nicht automatisch auf andere Stämme übertragen. Ein Produkt, das einfach "L. reuteri" ohne Stammbezeichnung angibt, bietet keine Garantie für die gewünschte Wirkung. Seriöse Hersteller geben immer den vollständigen Stammnamen an.
Wirkungen auf die Darmgesundheit
Die Darmgesundheit ist das klassische Anwendungsgebiet von L. reuteri - und hier ist die Evidenzlage am stärksten. Besonders bei Säuglingen und Kindern zeigen sich beeindruckende Ergebnisse.
L. reuteri DSM 17938 ist eines der am besten untersuchten Mittel bei Säuglingskoliken. Eine Meta-Analyse von 2018 mit über 1.800 Säuglingen zeigte eine signifikante Reduktion der täglichen Schreizeiten um durchschnittlich 50 Minuten. Die Erfolgsrate (>50% Reduktion) lag bei etwa 65%.
Basierend auf 12+ randomisierten, kontrollierten Studien[11]
Bei akutem wässrigem Durchfall verkürzt L. reuteri die Krankheitsdauer signifikant. Eine Cochrane-Analyse fand eine durchschnittliche Verkürzung um etwa einen Tag. Am effektivsten ist die Gabe in den ersten 48 Stunden nach Symptombeginn.
Basierend auf 8+ randomisierten, kontrollierten Studien[12]
Als Ergänzung zur Standard-Triple-Therapie verbessert L. reuteri die Eradikationsraten und reduziert die typischen Antibiotika-Nebenwirkungen deutlich. Besonders die Kombination DSM 17938 + ATCC PTA 6475 zeigt gute Ergebnisse.
Basierend auf 6+ randomisierten, kontrollierten Studien[13]
Bei Kindern mit funktionellen Bauchschmerzen (ohne organische Ursache) reduziert L. reuteri sowohl Häufigkeit als auch Intensität der Schmerzen. Die Wirkung setzt typischerweise nach 2-4 Wochen ein.
Basierend auf 4+ randomisierten, kontrollierten Studien[14]
Regurgitation und Spucken bei Säuglingen
L. reuteri DSM 17938 beschleunigt die Magenentleerung und reduziert dadurch das Aufstoßen bei Säuglingen. Studien zeigen eine Reduktion der Regurgitationsepisoden um bis zu 70% nach 4 Wochen Supplementierung. Dieser Effekt scheint unabhängig davon zu sein, ob das Kind gestillt wird oder Formulanahrung erhält.[15]
Immunsystem und Infektabwehr
L. reuteri moduliert das Immunsystem auf mehreren Ebenen und kann sowohl die Infektabwehr stärken als auch überschießende Immunreaktionen dämpfen.
Kinder, die L. reuteri DSM 17938 präventiv einnehmen, erkranken seltener an Atemwegsinfektionen und fehlen weniger in Schule oder Kindergarten. Eine Studie an Vorschulkindern zeigte eine Reduktion der krankheitsbedingten Fehltage um 25%.
Basierend auf 5+ randomisierten, kontrollierten Studien[16]
Mechanismen der Immunmodulation
Die immunmodulatorischen Wirkungen von L. reuteri sind komplex und umfassen:
- Stärkung der Schleimhautbarriere: L. reuteri fördert die Produktion von Muzinen und stärkt die Tight Junctions, was das Eindringen von Pathogenen erschwert[17]
- Modulation dendritischer Zellen: Diese "Wächterzellen" des Immunsystems werden durch L. reuteri so beeinflusst, dass sie weniger aggressive Immunantworten auslösen[18]
- Förderung regulatorischer T-Zellen: Tregs sind entscheidend für immunologische Toleranz und die Verhinderung von Autoimmunreaktionen
- Produktion antimikrobieller Peptide: L. reuteri stimuliert die Produktion körpereigener antimikrobieller Substanzen wie Defensine
Obwohl L. reuteri das Immunsystem unterstützen kann, ersetzt es keine Impfungen oder andere medizinische Maßnahmen zur Infektionsprävention. Betrachten Sie Probiotika als Ergänzung, nicht als Alternative zur evidenzbasierten Medizin.
Herzgesundheit und Cholesterin
Der Stamm L. reuteri NCIMB 30242 (Cardioviva®) wurde speziell auf seine Fähigkeit zur Cholesterinsenkung untersucht und zeigt beeindruckende Ergebnisse.
L. reuteri NCIMB 30242 senkt das LDL-Cholesterin (das "schlechte" Cholesterin) um durchschnittlich 9-12%. Dies ist vergleichbar mit diätetischen Maßnahmen wie der DASH-Diät und kann bei Menschen mit grenzwertig erhöhten Werten klinisch relevant sein.
Basierend auf 3 randomisierten, doppelblinden Studien[19]
Mechanismus der Cholesterinsenkung
L. reuteri NCIMB 30242 senkt Cholesterin durch die enzymatische Aktivität einer Gallensalzhydrolase (BSH). Dieses Enzym dekonjugiert Gallensäuren im Darm, was mehrere Effekte hat:[20]
- Dekonjugierte Gallensäuren werden schlechter rückresorbiert und verstärkt ausgeschieden
- Der Körper muss mehr Cholesterin zur Neusynthese von Gallensäuren verwenden
- Die Cholesterinabsorption im Darm wird reduziert
| Parameter | Veränderung | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| LDL-Cholesterin | -9,1% bis -11,6% | Reduziertes kardiovaskuläres Risiko |
| Gesamt-Cholesterin | -4,8% bis -9,1% | Verbessertes Lipidprofil |
| non-HDL Cholesterin | -6,0% bis -11,3% | Wichtiger Risikomarker |
| Apolipoprotein B | -6,5% bis -8,4% | Marker für atherogene Partikel |
| hs-CRP | -1,05 mg/L | Reduzierte Entzündung |
Bei Menschen mit hohem kardiovaskulärem Risiko oder deutlich erhöhten LDL-Werten ersetzen Probiotika keine Statintherapie. L. reuteri NCIMB 30242 kann jedoch eine sinnvolle Ergänzung sein oder bei grenzwertigen Werten eine Alternative zu Medikamenten darstellen - nach Rücksprache mit dem Arzt.
Mundgesundheit
Die Kombination von L. reuteri DSM 17938 und ATCC PTA 6475 (Prodentis®) wurde intensiv für die orale Anwendung erforscht und zeigt positive Wirkungen auf Zahnfleisch und Mundflora.
Die Lutschtabletten-Formulierung von L. reuteri reduziert Zahnfleischentzündungen und Blutungsneigung signifikant. Studien zeigen Verbesserungen beim Gingival-Index und der Plaquebildung nach 4-12 Wochen regelmäßiger Anwendung.
Basierend auf 10+ klinischen Studien[21]
Als Ergänzung zur professionellen Parodontitisbehandlung (Scaling & Root Planing) verbessert L. reuteri die klinischen Outcomes. Die Taschentiefen reduzieren sich stärker als mit mechanischer Reinigung allein.
Basierend auf 5+ klinischen Studien[22]
Anwendung für die Mundgesundheit
Für optimale Ergebnisse sollten L. reuteri-Präparate für die Mundgesundheit als Lutschtabletten oder Kautabletten eingenommen werden - nicht geschluckt. Das Bakterium muss Kontakt mit der Mundschleimhaut haben, um seine lokale Wirkung zu entfalten. Idealerweise nimmt man die Tablette abends nach dem Zähneputzen ein und lässt sie langsam im Mund zergehen.[23]
Mentale Gesundheit und Oxytocin
Eine der faszinierendsten Forschungsrichtungen zu L. reuteri betrifft seine Fähigkeit, über die Darm-Hirn-Achse das Gehirn zu beeinflussen - insbesondere durch die Modulation von Oxytocin.
Die Oxytocin-Verbindung
Forschungen am MIT haben gezeigt, dass L. reuteri ATCC PTA 6475 die Oxytocin-Produktion im Hypothalamus über den Vagusnerv stimulieren kann. Oxytocin, oft als "Bindungshormon" bezeichnet, beeinflusst:[24]
- Soziales Verhalten: Erhöht Vertrauen, Empathie und soziale Bindung
- Stressreaktion: Dämpft die HPA-Achse und reduziert Cortisol
- Wundheilung: Beschleunigt die Heilung von Hautwunden erheblich
- Körperzusammensetzung: Beeinflusst Muskelmasse und Fettverteilung
- Haut und Haare: Verbessert Hautdicke und Fellglanz (in Tiermodellen)
In Tiermodellen und ersten Humanstudien zeigt L. reuteri eine deutliche Beschleunigung der Wundheilung. Der Effekt wird über erhöhte Oxytocin-Spiegel und verbesserte Immunantwort vermittelt. Die Wundheilung war in Mausstudien etwa doppelt so schnell.
Basierend auf Tiermodellen und ersten Humanstudien[25]
Viele der spektakulären Ergebnisse zu Oxytocin und L. reuteri stammen aus Tiermodellen (meist Mäuse). Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist noch nicht vollständig geklärt. Betrachten Sie diese Forschung als vielversprechend, aber noch nicht klinisch etabliert.
Autismus-Spektrum-Störungen
Aufgrund der Oxytocin-Verbindung wird L. reuteri auch bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) erforscht. Erste Pilotstudien zeigen Verbesserungen im Sozialverhalten bei einigen Kindern mit ASS. Eine große klinische Studie (PROBIACT) ist derzeit in Europa im Gange, um diese Effekte genauer zu untersuchen.[26]
Knochengesundheit und Testosteron
L. reuteri ATCC PTA 6475 zeigt in Tiermodellen bemerkenswerte Effekte auf Knochen und männliche Hormone - Bereiche, die traditionell nicht mit Probiotika assoziiert wurden.
Schutz vor Knochenschwund
In Mausmodellen für postmenopausale Osteoporose (ovarektomierte Mäuse) verhinderte L. reuteri ATCC PTA 6475 den typischen Knochenmasseverlust fast vollständig. Der Effekt war vergleichbar mit einer Hormonersatztherapie, jedoch ohne deren Nebenwirkungen. Der Mechanismus scheint über die Reduktion von systemischer Entzündung und die Modulation von Osteoklasten (knochenabbauende Zellen) zu laufen.[27]
Eine Humanstudie an postmenopausalen Frauen mit niedriger Knochendichte zeigte nach 12 Monaten L. reuteri ATCC PTA 6475-Supplementierung eine signifikant geringere Abnahme der Knochenmineraldichte im Vergleich zu Placebo.
Basierend auf 1 randomisierten, kontrollierten Studie[28]
Testosteron bei männlichen Mäusen
In Tiermodellen erhöhte L. reuteri ATCC PTA 6475 die Testosteronspiegel älterer männlicher Mäuse signifikant. Die Tiere zeigten größere Hoden, höhere Testosteronwerte und jugendlichere Körpermerkmale (dichteres, glänzenderes Fell, weniger Bauchfett). Ob sich diese Effekte auf den Menschen übertragen lassen, wird derzeit erforscht.[29]
Die Testosteron-Daten stammen ausschließlich aus Mausstudien. Es gibt bisher keine veröffentlichten Humanstudien, die einen testosteronsteigernden Effekt beim Menschen belegen. Marketing-Behauptungen in diese Richtung sollten kritisch betrachtet werden.
L. reuteri bei Säuglingen und Kindern
Die Anwendung bei Säuglingen und Kindern ist einer der am besten erforschten Bereiche für L. reuteri. Der Stamm DSM 17938 hat eine beeindruckende Sicherheitsbilanz und ist für den Einsatz ab Geburt zugelassen.
Übersicht der kinderspezifischen Wirkungen
| Indikation | Evidenzstärke | Typische Dosis | Dauer |
|---|---|---|---|
| Säuglingskoliken | Stark (Meta-Analyse) | 10⁸ KBE/Tag | 3-4 Wochen |
| Akuter Durchfall | Stark (Cochrane) | 10⁸-10⁹ KBE/Tag | 5-7 Tage |
| Regurgitation | Moderat | 10⁸ KBE/Tag | 4 Wochen |
| Funktionelle Bauchschmerzen | Moderat | 10⁸ KBE/Tag | 4-8 Wochen |
| Obstipation | Erste Hinweise | 10⁸ KBE/Tag | 4-8 Wochen |
Sicherheit bei Säuglingen
L. reuteri DSM 17938 hat ein ausgezeichnetes Sicherheitsprofil bei Säuglingen und Kindern. In den klinischen Studien wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet. Das Bakterium ist in Muttermilch natürlich vorkommend, was seine grundsätzliche Sicherheit für Neugeborene unterstreicht.[30]
Die European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) stuft L. reuteri DSM 17938 als eines der wenigen Probiotika ein, für das ausreichende Evidenz zur Behandlung von Säuglingskoliken vorliegt.
Dosierung und Einnahmeempfehlungen
Die optimale Dosierung von L. reuteri variiert je nach Stamm und Anwendungsgebiet. Grundsätzlich werden Dosierungen in KBE (Koloniebildende Einheiten) oder CFU (Colony Forming Units) angegeben.
Allgemeine Dosierungsrichtlinien
| Stamm | Standarddosis | Anwendungsgebiet |
|---|---|---|
| DSM 17938 | 10⁸ KBE (100 Mio.) | Darmgesundheit, Koliken |
| ATCC PTA 6475 | 10⁸-10⁹ KBE | Entzündung, Knochen |
| DSM 17938 + ATCC PTA 6475 | Je 10⁸ KBE | H. pylori, Mundgesundheit |
| NCIMB 30242 | 2 x 10⁹ KBE | Cholesterin |
Optimaler Einnahmezeitpunkt
L. reuteri kann grundsätzlich zu jeder Tageszeit eingenommen werden. Einige Hinweise aus Studien:
- Mit oder ohne Mahlzeit: L. reuteri ist relativ säureresistent und kann sowohl mit als auch ohne Nahrung eingenommen werden
- Für Mundgesundheit: Abends nach dem Zähneputzen als Lutschtablette
- Bei Säuglingen: Tropfen können in Muttermilch oder Formulanahrung gemischt werden (nicht erhitzen!)
- Konsistenz: Die regelmäßige tägliche Einnahme ist wichtiger als der exakte Zeitpunkt
Wechselwirkungen mit Antibiotika
Bei gleichzeitiger Antibiotikatherapie sollte L. reuteri mit mindestens 2 Stunden Abstand eingenommen werden, um eine Abtötung durch das Antibiotikum zu minimieren. Die Supplementierung während und nach Antibiotikaeinnahme ist sinnvoll, um die Darmflora zu schützen und schneller wiederherzustellen.[31]
Lagerung: Achten Sie auf die Herstellerangaben - manche Präparate müssen gekühlt werden, andere sind bei Raumtemperatur stabil.
Mindesthaltbarkeit: Probiotika verlieren mit der Zeit an Aktivität. Achten Sie auf das "Garantiert bis"-Datum, nicht nur das Herstellungsdatum.
Sicherheit und Nebenwirkungen
L. reuteri gehört zu den am besten untersuchten Probiotika mit einem ausgezeichneten Sicherheitsprofil. Die FDA hat mehrere Stämme als GRAS (Generally Recognized as Safe) eingestuft.[32]
Häufige, milde Nebenwirkungen
In den ersten Tagen der Einnahme können vereinzelt auftreten:
- Leichte Blähungen oder vermehrte Gasbildung
- Geringfügige Veränderungen der Stuhlkonsistenz
- Leichte Bauchbeschwerden
Diese Symptome sind in der Regel mild und vorübergehend (1-3 Tage) und Zeichen einer Umstellung der Darmflora.
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
Immunsuppression: Menschen mit schwerer Immunschwäche (z.B. nach Organtransplantation, HIV mit sehr niedriger CD4-Zahl, aktive Chemotherapie) sollten vor der Einnahme ihren Arzt konsultieren.
Zentralvenöse Katheter: In seltenen Fällen wurde bei Patienten mit zentralvenösen Kathetern und gleichzeitiger Probiotika-Einnahme über Bakteriämien berichtet.
Kurzdarm-Syndrom: Bei Patienten mit Kurzdarm und bakterieller Überwucherung ist Vorsicht geboten.
Histaminintoleranz: Der Stamm ATCC PTA 6475 produziert Histamin und kann bei empfindlichen Personen Symptome auslösen.
Schwangerschaft und Stillzeit
L. reuteri gilt als sicher in Schwangerschaft und Stillzeit. Mehrere Studien haben L. reuteri DSM 17938 bei schwangeren Frauen und stillenden Müttern ohne Sicherheitsbedenken eingesetzt. Die Weitergabe über die Muttermilch an den Säugling wird sogar als vorteilhaft betrachtet.[33]
L. reuteri Joghurt selbst herstellen
Das Fermentieren von Joghurt mit L. reuteri hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen, insbesondere durch die Arbeit von Dr. William Davis (Autor von "Wheat Belly"). Die Idee: Durch eine verlängerte Fermentation bei niedrigerer Temperatur die Bakterienzahl massiv zu vermehren.
Grundrezept für L. reuteri Joghurt
Zutaten:
- 1 Liter Bio-Vollmilch oder Sahne (pasteurisiert, nicht ultrahocherhitzt)
- 10-20 Tabletten L. reuteri (DSM 17938 + ATCC PTA 6475) oder Starterkultur
- 2 EL Inulin oder Präbiotikum (als Nahrung für die Bakterien)
Ausrüstung:
- Joghurtbereiter mit Temperaturregelung ODER
- Sous-Vide-Gerät ODER
- Instant Pot auf Joghurt-Einstellung
Anleitung
- Vorbereitung: Milch auf ca. 37-38°C erwärmen (nicht heißer!)
- Starter einrühren: Tabletten zerdrücken und zusammen mit dem Inulin in die warme Milch einrühren
- Fermentation: Bei genau 36-37°C für 36 Stunden fermentieren lassen
- Kühlung: Nach der Fermentation in den Kühlschrank stellen
- Aufbewahrung: Hält im Kühlschrank 1-2 Wochen
Temperaturkontrolle: Die exakte Temperatur ist entscheidend. Zu warm (>40°C) tötet die Bakterien, zu kalt verlangsamt die Vermehrung zu stark.
Keine Garantie: Im Gegensatz zu kommerziellen Produkten gibt es keine Qualitätskontrolle. Die tatsächliche Bakterienzahl im selbstgemachten Joghurt ist unbekannt.
Hygiene: Alle Geräte müssen sorgfältig gereinigt werden, um Kontamination zu vermeiden.
Viele Anwender berichten von positiven Effekten des selbstgemachten L. reuteri Joghurts, darunter verbesserte Verdauung, besserer Schlaf und glattere Haut. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Berichte anekdotisch sind und nicht den kontrollierten Bedingungen klinischer Studien entsprechen.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert es, bis L. reuteri wirkt?
Die Wirkungszeit variiert je nach Anwendungsgebiet: Bei Säuglingskoliken werden Effekte oft schon nach einer Woche beobachtet. Bei Cholesterinsenkung (NCIMB 30242) dauert es typischerweise 6-9 Wochen, bis messbare Veränderungen eintreten. Für optimale Ergebnisse wird eine Einnahmedauer von mindestens 4-8 Wochen empfohlen.
Kann ich verschiedene L. reuteri Stämme kombinieren?
Ja, einige Kombinationen sind sogar gut erforscht. Die Kombination von DSM 17938 und ATCC PTA 6475 (Gastrus®) wird für die H. pylori-Therapie und Mundgesundheit eingesetzt. Es gibt keine bekannten negativen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen L. reuteri Stämmen. Die Kombination mit NCIMB 30242 für zusätzliche Cholesterinsenkung ist ebenfalls möglich.
Muss L. reuteri gekühlt werden?
Das hängt von der Formulierung ab. Moderne lyophilisierte (gefriergetrocknete) Produkte wie BioGaia Protectis sind bei Raumtemperatur stabil. Ältere Formulierungen und manche Flüssigpräparate müssen gekühlt werden. Beachten Sie immer die Herstellerangaben. Generell gilt: Kühlung schadet nie und kann die Haltbarkeit verlängern.
Ist L. reuteri für Veganer geeignet?
L. reuteri selbst ist ein Bakterium und damit weder tierischen noch pflanzlichen Ursprungs. Allerdings können die Trägerstoffe in Produkten tierischen Ursprungs sein (z.B. Milchpulver, Gelatinekapseln). Achten Sie auf die Deklaration - es gibt vegane Formulierungen ohne tierische Hilfsstoffe. Bei selbstgemachtem Joghurt ist die Verwendung von pflanzlichen Milchalternativen schwieriger, da L. reuteri Laktose als Nährstoff bevorzugt.
Kann L. reuteri bei Reizdarm helfen?
Die Evidenz für L. reuteri bei Reizdarmsyndrom (IBS) ist gemischt. Während einzelne Studien positive Effekte auf Blähungen und Bauchschmerzen zeigen, ist die Datenlage insgesamt weniger überzeugend als bei anderen Probiotika wie Bifidobacterium infantis 35624 oder VSL#3. Bei IBS könnte ein Versuch sinnvoll sein, aber die Erwartungen sollten realistisch bleiben.
Gibt es Wechselwirkungen mit Medikamenten?
Bekannte Wechselwirkungen sind selten. Antibiotika können L. reuteri abtöten - daher 2 Stunden Abstand halten. Der Stamm NCIMB 30242 kann die Absorption von fettlöslichen Vitaminen und Medikamenten theoretisch beeinflussen (da er Gallensäuren dekonjugiert). Bei der Einnahme von Immunsuppressiva oder nach Organtransplantationen sollte vor der Probiotika-Einnahme ein Arzt konsultiert werden.
Ab welchem Alter kann L. reuteri gegeben werden?
L. reuteri DSM 17938 ist für die Anwendung ab Geburt zugelassen und wurde in Studien sogar bei Frühgeborenen sicher eingesetzt. Die Tropfenform (BioGaia Protectis) ist speziell für Säuglinge konzipiert. Bei termingeborenen, gesunden Säuglingen kann die Supplementierung ab dem ersten Lebenstag beginnen.
Ist der Effekt dauerhaft oder muss ich L. reuteri dauerhaft einnehmen?
L. reuteri kolonisiert den Darm nur vorübergehend. Nach Absetzen der Supplementierung nimmt die Zahl der Bakterien innerhalb von 1-2 Wochen ab. Für dauerhafte Effekte (z.B. Cholesterinsenkung) ist eine kontinuierliche Einnahme nötig. Bei akuten Anwendungen (z.B. Koliken, akuter Durchfall) ist oft eine begrenzte Einnahmedauer ausreichend.
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